Kirchenmusik in der Lorenzkirche

Ich gebe nach der Theologie der Musik die höchste Ehre. Martin Luther

Pfarrer Eduard Christian Martini, der vor über 100 Jahren in St. Georgen amtierte, erwähnt in seiner „Geschichte des Klosters …“Martini, Eduard Christian, Geschichte des Klosters und der Pfarrei St. Georgen, Villingen 1859, S. 248 f., dass 1774 in einer „Sitzung des Kirchenkonvents“ beschlossen wurde, „zur Hebung des Kirchengesangs eine Orgel anzuschaffen“. Sie wurde bei Hagemann in Tübingen bestellt und am 2. Februar 1776 aufgebaut. Organist wurde ab 1776 Johann Christoph Keßler, der seinen Lohn mit dem Kalchanten (Windmacher) im Verhältnis 4:2 teilen musste. Von einem Kirchenchor ist allerdings noch nichts zu lesen. 1859 wurde die Orgel durch Fridolin Merklin aus Freiburg aufwändig renoviert, wurde dann aber beim großen Brand von 1865 - nur sechs Jahre später – ein Raub der Flammen…

Die St. Georgener ließen sich nicht entmutigen und genehmigten der Lorenzkirche im Jahr 1867 – vor 150 Jahren also - eine VoitVoit & Söhne, Durlach, Orgelbau, Gründungsjahr im 18. Jh. unbekannt, bestand bis 1932. Das ehemalige Fabrikportal in Durlach ist noch erhalten. -Orgel, die nach zwei Generalsanierungen durch die Orgelbauer Voit (1917) und Ott (1939)s. Gemeindebote August 1939 (Der Umbau unserer Orgel, Verf. Paul Kessler) und einer weiteren Renovierung durch Welte (Freiburg) und Walcker (Ludwigsburg) (1950) bis 1968 diente.

Die letzten vier Kantoren (1946 – 2015) sind noch in lebendiger Erinnerung, wenn sie auch für einen Zeitraum von fast siebzig Jahren stehen. Doch was war vorher? Die Antwort auf diese Frage fällt schwer, aber man kann Bruchstücke zusammentragen, die am Ende das Bild ergeben, welches die Einmaligkeit von St. Georgen ausmacht.

Teil 1

Die Zeit bis zur Mitte des vergangen Jahrhunderts

Gab es bereits studierteMit „studiert“ sind im Folgenden Kirchenmusiker mit Abschluss einer staatlichen oder kirchlichen Musikhochschule gemeint., nicht unbedingt hauptamtliche Organisten, bevor mit Gerhard Zeggert gleich ein ganz Großer – neudeutsch würde man sagen: „Überqualifizierter“ – herein geschwebt kam, nämlich ein aus Breslau geflüchteter Kirchenmusikdirektor, sowohl Organist wie Kantor an St. Maria Magdalena und an der Orgel der JahrhunderthalleWohl ein Gegenstück der Royal Albert Hall in London., an einem Instrument mit fünf Manualen, 150 Registern und 13.207 Pfeifen, das seit 2006 Weltkulturerbe ist? Ja, es gab sie, zwei studierte Kirchenmusiker, die schon vor 1946 an der Orgel der Lorenzkirche wirkten. Auf alles Nähere dazu bitte ich den Leser zu warten, wenn ich versuche der Reihe nach zu erzählen. Bis 1936 gab es nur sog. „Lehrerorganisten und –Kantoren“ wie StollVornamen fehlen gelegentlich in den Niederschriften., Jonathan Hauser, Kammerer, Gewerbeschuldirektor Emil Härdle und Hauptlehrer Hermann Stanger, um nur einige zu nennen.

1895-1936 Die Zeit der „Lehrer-Organisten“

Überlieferte Programme beginnen mit dem Jahr 1895Genauer: ein Brief datiert sogar vom 18.12.1894, es ist ein sehr schönes Dokument in Sütterlin-Schrift, das von einem Carl Haas jr. unterschrieben und mit dem Datum 18.12.1894 versehen ist. Darüber steht „Evang. Kirchenchor St. Georgen“. Anlass ist ein Weihnachtsgeschenk an den „Dirigenten Herrn Baumgärtner“.. Das „Halleluja“ aus dem „Messias“, Bach-Choräle, nicht näher bezeichnete Werke von Otto Nicolai und Ludwig van Beethoven tauchen da auf, sonst aber heute vergessene Kleinmeister. Als Schlusspunkt eines solchen Programms z. B. „Präludium und Fuge (?) von J. S. Bach“ ohne Nennung der Tonart, geschweige denn der Werkverzeichnis-Nummer.

In einem Handzettel der Jahrhundertwende lesen wir „Hoch tut euch auf“ von Christoph Willibald Gluck, während von Charles Gounod „Meditation über das 1. Präludium von Bach“ (höchstwahrscheinlich das Bach-Präludium C-Dur aus dem 1. Band des „Wohltemperierten Clavier“ mit übergelegter Violin-Stimme, das „Ave Maria“ vertonend) genannt wird, eine Arie aus Mendelssohns „Paulus“ und am Schluss wieder ein nicht näher bezeichnetes „Postludium“ von Bach. Als Veranstalter wird der „Evang. Kirchenchor“ genannt. Unter den Mitwirkenden erscheint auch der „Liederkranz St. Georgen“.

Die Programme ab 1920 nehmen professionelle Gestalt an, wenn LKMDLandeskirchenmusikdirektor Poppen aus Heidelberg mitwirkt. Im Gemeindeboten 7/1920 wird Bezug genommen auf die Renovierung der Lorenzkirchenorgel, die 1917, während des Krieges also, von der Firma Voit mit einem für damals erstaunlich hohen Kostenaufwand - 8159 Mark - durchgeführt wurde. Durchgängig müssen wir feststellen, welch großen Wert die Gemeinde auf ihre Orgel legt.

Dr. Hermann Poppen in seiner Eigenschaft als LKMD spielte persönlich in einem Kirchenkonzert an der Lorenzkirche - 4. Juli 1920 – Choralvorspiele von Bach bis Brahms und die f-moll-Orgelsonate von Felix Mendelssohn-Bartholdy, hier noch mit voller Namensnennung und nicht nur „Bartholdy“. (Dazu muss ich bemerken, dass in den 50 Jahren meines Hierseins kein Landeskantor je konzertant aufgetreten ist – wenn ich mich recht erinnere.) Der Kirchenchor trägt zwei Choräle bei, darunter erstaunlicher Weise „Wie mit grimm‘gen Unverstand/ Wellen sich bewegen“, ein Lied, das jeder Seemannspastor an der Küste mit Inbrunst singen lässt.

Im Gemeindeboten wird von einem Familienabend des Kirchenchors im „Deutschen Haus“ berichtet, organisiert von Gewerbelehrer Härdle. Neben einem Gesprächskonzert wurde auch ein christlich geprägtes Theaterstück aufgeführt. Ehrungen für 15- oder gar 17-jährige Mitgliedschaft im Kirchenchor wurden vorgenommen.

Aus dem Jahresbericht von 1929/30 ist zu entnehmen, dass 1929 mehrere Bach-Kantaten durch den Chor mit auswärtigen Solisten und Mitgliedern der Stuttgarter Philharmoniker zu Gehör gebracht wurden. Dirigent war Hermann Stanger. Unter den Zuhörern befand sich Albert Schweitzer, der dem Chor aus Begeisterung spontan ein Geldgeschenk von 60 Mark überreichte. Bemerkenswert auch die Mitwirkung von Hilde Martin, 34 Jahre Organistin der Brüdergemeine und vermutlich erste deutsche Kirchenmusikstudentin überhaupt. Sie studierte bei dem Thomas-Kantor Karl Straube in Leipzig.

In kleinerer Besetzung gab es bereits eine Abendmusik am Buß- und Bettag in der „Stadtkirche“ (gemeint ist die Lorenzkirche), schon damals mit Hilde Martin, der Tochter des Organisten und Lehrers Martin von Königsfeld. Sie spielte unter anderem Buxtehudes d-moll Präludium und Fuge BuxWV140, ein deutliches Zeichen, dass die Orgelbewegung in St. Georgen bzw. Königsfeld Einzug gehalten hatte.

Ein undatiertes Zeugnis kündet von Händels Oratorium „Samson“ – möglicher Weise am 19. April 1931 - in einer Aufführung unter Hermann Stanger bei ausdrücklich hervorgehobener Mitwirkung von Hilde Martin an der Orgel. Das Orchester bestand – wohl aus Ersparnisgründen – ausschließlich aus dem Musikkorps des Ausbildungsbataillons 14 aus Donaueschingen, offensichtlich eine Blaskapelle, in der die Klarinetten und Flöten die Rolle der Geigen übernahmen. Werktreue spielte noch keine Rolle.

Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler - der Zeitpunkt der „Machtergreifung“, von dem an die Nationalsozialistische Arbeiterpartei NSDAP sich immer mehr in kulturelle und kirchliche Angelegenheiten einmischt.

Am 7. Mai 1933 wird „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel, korrekt in chorisch-sinfonischer Besetzung, aufgeführt. Wieder ist es Hauptlehrer Stanger, der auswärtige und heimische Musiker und Gesangssolisten zusammenführt. Offensichtlich ohne Kürzungen, werktreu und mit allen drei Teilen erklang das Oratorium in der voll besetzten Lorenzkirche.

1934-1946 Die Zeit nach dem denkwürdigen Landestreffen

Das Landestreffen der badischen Kirchenchöre in St. Georgen, welches am 9. und 10. Juni 1934 stattfand, hatte eine grundlegende Entscheidung der Kirchengemeinde zur Folge, und zwar auf Vorschlag des damaligen Oberkirchenrats in Karlsruhe: nämlich einen studierten Kantor und Organisten einzustellen. Aber die Umsetzung ließ noch zwei Jahre auf sich warten.

Zunächst das Landestreffen: 1200 Sängerinnen und Sänger kamen zum Landeskirchen-Gesangsfest nach St. Georgen. Dazu gab es einen Aufruf an die Bevölkerung, Privat-Quartiere bereitzustellen. In der Korrespondenz findet sich der amüsante Satz, man möge dafür sorgen, dass „der dortige, etwas zu strenge Polizeiposten außer Dienst gestellt werde“.

Der St. Georgener Chor machte offensichtlich eine gute Figur bei den Konzerten. Im sonntäglichen Festgottesdienst erklangen in der Lorenzkirche Dietrich Buxtehudes Kantate „Alles, was ihr tut“ und Hugo Distlers Motette „Lobe den Herrn“, was landesweit Beachtung fand. Man bedenke: Distler wurde bald von den Nazis verfemt und 1942 in den Freitod getrieben. Den Abschluss bildete ein öffentliches Choralsingen aller Beteiligten auf dem Rathausplatz: „Mächtig erklangen zum Schluss das Deutschlandlied und das Horst Wessel-Lied.“Bad. Presse v. 16.6.1934

Als dann aber am Rande des Treffens Herr Hauptlehrer Hermann Stanger mit dem Landeskirchenmusikdirektor Poppen über „seine Amtsmüdigkeit“ sprach, entstand bei Poppen der Gedanke, dies zum Anlass zu nehmen, die so erfolgreiche Arbeit dadurch zu würdigen, dass man sie in „studierte Hände lege“. Also sollte sich die Kirchengemeinde um einen „hauptamtlichen“ Kantor und Organisten bemühen. Das dauerte noch eine Weile. Am 30.10.1935 versicherte der LKMD Poppen, dass man nicht riskieren dürfe, einen „so stattlichen Chor“ wie den St. Georgener zugrunde gehen zu lassen, und erinnerte noch einmal daran: „Bei dem Chortreffen in St. Georgen 1934 hat mich, Hermann Poppen vom K.I. [Kirchenmusikalisches Institut Heidelberg1931 gegründet], Hauptlehrer Stanger angesprochen und angekündigt, dass er sich zurückziehen wolle, um einem studierten Kirchenmusiker Platz zu machen.“

Im Visitationsbericht von 1936 schreibt Pfarrer Thieringer, Stadtpfarrer in dieser Zeit, dass das Liedgut der Reformation „in unserm Kirchengesangbuch verhältnismäßig dünn vertreten ist“. Er hofft, dass ein studierter Kirchenmusiker demnächst die Jugend durch neu herausgegebene Choralblätter besser schulen kann.

Weiter unten würdigt er die Arbeit des nunmehr scheidenden Hauptlehrers Stanger, der es verstanden habe, „von Jahr zu Jahr die Fähigkeiten des Chores zu steigern“ und auch „größere Werke in vollendeter Form aufzuführen“. Stanger machte seinen Chor mit Bach-Kantaten bekannt und war damit anderen Chören weit voraus. Er habe sich besonders verdient gemacht, weil er den Chor „zu einiger Blüte gebracht“ habe, wie LKMD Professor Hermann Meinhard Poppen nach dem Landestreffen schreibt.

So sehr Thieringer dessen Abschied (Rücktritt aus Gesundheitsgründen) bedauere, stelle er jedoch mit Genugtuung fest, dass gerade Stanger „die Herzen der Kirchengemeinderäte und des Stadtrats erobert“ und diese zu dem Entschluss bestimmt habe, eine hauptamtliche Stelle einzurichten. Auf Empfehlung von Hermann Poppen kündigt er als Nachfolger den Studenten des K.I., Herrn Georg Schwärzel, an.

Haben die ersten studierten Kantoren „keine Spuren hinterlassen“?Jäckle, Christoph, Erinnerungen 1981

Schwärzel werde für Chor und Orgel eingestellt, so dass auch der bisherige Organist Jonathan Hauser abgelöst werden müsse. Er habe auch diesen sehr geschätzt, und zufälliger Weise habe es sich gefügt, dass Herr Kammerer die Stelle in Peterzell gekündigt habe und sich somit ein neues Tätigkeitsfeld für Hauser ergebe.

1936–1938 Georg Schwärzel

Weniges darüber hinaus konnte ich nur durch Zufall finden. Während die Akte „Kirchenkampf“ leider keine Auskunft über die Geschichte der Kirchenmusik gibt, entdeckte ich in einer anderen Akte des Gemeinde-Archivs mit der Aufschrift „Spezialitäten“ immerhin einige spärliche Angaben.

In einem Brief vom 7.7.36 preist Poppen als Rektor des K.I. einen Herrn Georg Schwärzel aus Dundenheim im Ortenau-Kreis dem Pfarrer Thieringer an. S. habe „ausgezeichnete Leistungen“ mit seinen Chören aus Schlierbach und Baierbach erreicht. Diese Arbeit „mit Bauernchören“ habe sogar einen „amerikanischen Studenten dazu veranlasst, die amerikanische Presse vollzuschreiben“So Poppen im Brief vom 7.6.33. S. sei Bauernsohn und habe vor seinem Kirchenmusik-Studium eine Obstbauschule absolviert. Die Eltern seien „ernste, kirchliche Leute“. Er müsse nur noch sein Diplom (Abschlussexamen) machen.

Mit Schreiben vom 25.9. 1936 an Pfarrer Thieringer und das Dekanat Hornberg hat Herr Stanger „wegen mangelnder Gesundheit“ sein Amt endgültig niedergelegt. Diese Begründung hat zu allerlei Vermutungen und Missdeutungen Anlass gegeben. Das Schicksal des verdienstvollen Lehrers muss deshalb bei anderer Gelegenheit dringend erforscht werden. Im Kirchengemeinderat macht man sich Gedanken über die genaue Stellenbeschreibung und Umsetzung eines „hauptamtlichen“ Kantorats: Man will eine Bezahlung von mtl. mindestens 100 RM (!) anbieten, dazu eine Dienstwohnung. Zum Dienstgeschäft gehören: Orgelspiel als Gestaltung der Gottesdienste, Chorarbeit, Erneuerung der „wertvollen alten Sitte“, in den Schuljahren 5, 6 und 7 je 1 Stunde wöchentlich zu geben, Zuverdienst-Möglichkeit durch Orgelstunden.

Von einer Ausschreibung, wie wir sie heute kennen, ist damals noch nicht die Rede. Es erfolgt sogleich die probeweise Anstellung von Georg Schwärzel. Die damals 17-jährige Liselotte Heinemann, später verheiratete Ebding, die – im Hauptfach Geigerin - sogleich bei ihm Orgelunterricht nahm, erinnert sich, dass Schwärzel „doppelt so schnell spielte“ wie der unmittelbare Vorgänger Jonathan Hauser. Mit Schreiben v. 29.12.1936 an Herrn Poppen berichtet Pfr. Thieringer: „Herr Schwärzel bewährt sich aufs Beste, zwar ist es für jeden, der neu kommt, schwer seinen Mann zu stehen, wenn vorher so blühendes Leben war.“ Dieser Satz bezieht sich vermutlich auf die Chorarbeit, die für den Dirigenten immer schwerer wurde, möglicherweise wegen der schon einsetzenden Spaltung in Bekennende Kirche und Deutsche Christen, letztere repräsentierten die Amtskirche.

Die Mitgliederzahlen des Kirchenchors liegen in den Jahren 30 bis 35 weit über 100 und fallen in 1936 auf immer noch beachtliche 104 zurück. Der Brigach-Bote v. 26. Juli 1937 berichtet von der Aufführung der „Matthäus-Passion“ von Heinrich Schütz und von Orgel-Vorträgen. Der Rezensent hebt „die über alle Zweifel erhabene Chorleitung von Schwärzel und sein vollendetes Orgelspiel“ (d-moll Toccata und Fuge von Johann Sebastian Bach und h-moll Präludium und Fuge des gleichen Komponisten) lobend hervor.

In dem Protokoll der Generalversammlung des Chors (Datum des Protokolls 31. Mai 1938) findet sich aber der nachdenklich stimmende Satz: „ Herr Eduard Trautwein sprach sodann noch über die derzeitige Dirigenten-Arbeit und legte dem Dirigenten Schwärzel in nicht miss zu verstehender Art Ermahnungen ans Herz.“

Denn am 30.12.1937 in einem Brief an Thieringer beklagt Poppen, dass S. immer noch nicht sein Examen abgelegt und erst kürzlich um Verschiebung von Ostern 1938 auf Herbst gebeten habe. Poppen zitiert den Hinweis des Kandidaten auf „dunkle Machenschaften gegen ihn“Es könnte dies ein Hinweis auf den beginnenden Kirchenkampf sein, bei dem beide Seiten offensichtlich nicht zimperlich miteinander umgingen. Vielleicht ist S. unverschuldet zwischen die Fronten geraten. Ein Schreiben an den Landesbischof, unbekannt von wessen Hand, mit Datum vom 30.11.1937, behauptet, dass „Vikar Schäfer den Chor radikal gespalten hat, indem er diesem, obwohl selber aktiver Sänger, das Singen in der Kirche verbot.“. Poppen würdigt jedoch, dass Thieringer sich mit Recht immer für S. eingesetzt habe. Aber ohne abgelegte Prüfung dürfe nun einmal keine hauptamtliche Stelle vergeben werden. Da S. bis zum 30.7. 38 noch kein Examen abgelegt hat, wird ein neuer Kandidat gesucht.

1939–1940 (eigentl. 1946) Während Kessler an der Ostfront seinen Wehrdienst leistete, wurde er in St. Georgen als Kantor geführt, indes seine Frau als Kirchenrechnerin die übrige Familie ernährte. Paul Kessler

Am 12.12.1938 kann Poppen einen neuen Namen präsentieren: Paul Kessler. Dieser sei „der richtige Mann, ausgezeichneter Musiker, als Orgelspieler in allen Gottesdienst-Aufgaben versiert“, man habe ihm „während des Studiums in Heidelberg den [1928 gegründeten, d. Verfasser] Kirchenchor der Altstadt anvertraut“.

Kesslers „Anstellungsvertrag“ als Kirchenmusiker wird am 27.2.1939 vom Kirchengemeinderat der Lorenzkirche beschlossen, der „Dienstvertrag“ wird am 15.3.1939 abschließend verhandelt, wobei die „bisherige Dienstzeit in Freiburg angerechnet und das zu diesem Zeitpunkt acht Monate alte Mädchen der Familie bei den Dienstbezügen berücksichtigt wird“.

Paul Albert Kessler wurde am 4.1.1912 in Lahr geboren. Obwohl noch Gymnasiast, trat er bereits als Organist in Abendmusiken hervor. Als Primaner vermutete er, dass die Orgel in Meißenheim, wo er gelegentlich den Organisten vertrat, eine Schöpfung von Johann Andreas Silbermann sein musste, dem berühmten Mitglied der sächsisch-elsässischen Orgelbauerfamilie. Den wissenschaftlichen Nachweis lieferte er vier Jahrzehnte später.

Paul Kessler studierte nach dem Abitur in Lahr (Humanistisches Gymnasium, 1932) am K.I. in Heidelberg bei Professor Hermann Meinhard Poppen Kirchenmusik. Am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg belegte er Vorlesungen und Übungen bei Prof. Heinrich Besseler. 1935 erfolgte seine Berufung als hauptamtlicher Kirchenmusiker der evangelischen Kirchengemeinde Freiburg. Er war Organist und Chorleiter an der Paulus- sowie an der Lutherkirche. Im März 1939 wurde er nach St. Georgen im Schwarzwald berufen, wo er sogleich die Voit-Orgel von Orgelbaumeister Paul Ott (Göttingen) restaurieren ließArtikel von Paul Kessler „Über den Umbau unserer Orgel“ in Ev. Gemeindebote 20. Jg. 1939 August, wurde aber nach 11 Monaten im Februar 1940 zur Wehrmacht eingezogen und 1944 so schwer verwundet, dass eine Amputation beider Oberschenkel unumgänglich war. Seine Tätigkeit als Organist musste er nun aufgeben. Sein theoretisches Wissen aber machte ihn als Mitglied des Lehrkörpers der frisch gegründeten Freiburger Musikhochschule wertvoll. Die Freiburger Hochschule ließ mich Einblick nehmen in Abitur-Zeugnis, Personalfragebogen, handgeschriebenen Lebenslauf, polizeiliches Führungszeugnis (i. V. des Bürgermeisters von Glenz 1946 unterschrieben) – alles makellos. Er unterrichtete als Professor von 1946-1977 evangelische Kirchenmusik, Orgel, Orgelstilkunde und Tonsatz an der „Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg“, deren Gründungsmitglied er war.

Aus Anlass seines 60. Geburtstags erschien in der Badischen Zeitung von Mittwoch/Donnerstag, dem 5./6. Januar 1972 eine ausführliche Würdigung, die auch sein Kantorenamt in St. Georgen erwähnt.

Das Bild rechts zeigt die junge Familie Kessler, Frau Ida, Tochter Irmgard und Paul Kessler, dazu auf der linken Seite Friseur Alfred Jäckle und Gasthausbesitzer Willi Schondelmaier.Frau Anna Jäckle, die Witwe von Emil Jäckle, konnte in der reichen Überlieferung ihres Mannes das kleine Bildchen finden. Das undatierte Foto hat sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Hier ist Kessler noch im Besitz beider Beine. Das Bild zeigt deutlich, dass er ein Mann von hochgewachsener Gestalt war. Es entstand vermutlich während eines Fronturlaubs 1944 beim Stadion.

Die Erinnerungen von Christoph JäckleChristoph Jäckle (1894-1983) „Erinnerungen“ werfen ein schonungslos deutliches Licht auf die Zeit des „Dritten Reiches“. Die nach 1937 folgenden Musiker werden Angestellte der Amtskirche und somit in den Dienst der offiziellen Gemeinde – also der Deutschen Christen - gestellt. Ihre persönliche Ausrichtung kann durchaus eine andere, vermutlich der Bekennenden Kirche zugeneigte, gewesen sein. Wahrscheinlich haben sie ausschließlich in den Gottesdiensten und musikalischen Andachten der Hauptgemeinde zur Predigt oder Liturgie des amtlichen Pfarrers Thieringer gespielt. Die „Bekenntnisfront“so in den Akten von 1938 wurde im Rahmen der „Minderheitenversorgung“so in den Akten von 1938 ebenfalls in gesonderten Gottesdiensten in der Lorenzkirche zugelassen, wobei das Wort „Minderheit“ lt. Christoph Jäckle im eklatanten Gegensatz zur Wirklichkeit gebraucht wurde. Danach ging ⅙ der Protestanten zu den Deutschen Christen, und ⅚ besuchten die Gottesdienste der Vikare Ochs, Wörner, Bösinger, Hoffmann oder Schäfer.Jäckle, a. a. O. , Blatt 118 Die musikalische Begleitung dieser Gottesdienste übernahmen Gertrud Lehmann-Pfaff und die Frau des Pfarrers Ochs.

So kam es wohl dazu, dass selbst tüchtige Musiker des Posaunenchors auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche keine Gelegenheit fanden, den jeweiligen hauptamtlichen Organisten der Lorenzkirche, in diesem Fall Paul Kessler, zu hören. In Jäckles spannender und kenntnisreicher Autobiographie heißt es dann auch, dass „Paul Keller [muss lauten: Kessler, d. Verf.] in St. Georgen keine Spuren hinterlassen“ habe. Es ist traurig, dass die Wenigen, welche Kessler hätten hören und schätzen können, dies versäumt haben. Darum ist es wichtig, an den bedeutenden Organisten in St. Georgen zu erinnern. Übrigens, das Einzige, was ich vor meiner Versetzung nach St. Georgen von dieser Stadt wusste, war, dass es hier einen vorzüglichen Posaunenchor gibt. Das wusste ich von Paul Kessler, meinem Lehrer für Theorie, Tonsatz und Gehörbildung an der Musikhochschule Freiburg.

Im Gemeindeboten von August 1939 schreibt Paul Kessler einen längeren Artikel, in dem er auf die Mängel der Orgel hinweist, die er „am eigenen Leib“ bei Antritt der Stelle zu spüren bekommen habe. Er bedankt sich beim „Finanzbevollmächtigten“, dass die Gemeinde die Restauration veranlasst. Im Gemeindeboten vom September wird eine Geistliche Abendmusik mit Kessler, Liselotte Heinemann u. a. mit Werken von Bach und Händel für den 22. Oktober angekündigt, hier das Programm:

Die Geigerin Liselotte Heinemann (spätere Liselotte Ebding) studierte zu dieser Zeit an der Badischen Hochschule für Musik in Karlsruhe. An den Wochenenden nahm sie Orgelunterricht bei Paul Kessler, während sie unter der Woche in Karlsruhe lebte. Ihr verdanken wir dieses einzige und einzigartige Dokument seiner St. Georgener Zeit. Hier war ein wirklicher Virtuose an der Orgel, wie man aus dem oben kopierten Programm ersehen kann. Wenn die Toccata und Fuge d-moll als Beispiel nicht genügt, so gibt es da auch noch Fantasie und Fuge g-moll BWV 542, ausweislich eines der ganz großen Werke der Orgelliteratur, das sicherlich unter Paul Kessler hervorragend wiedergegeben wurde. Eine Ankündigung für dieses Konzert – sozusagen ein zweiter Beleg - findet sich auch im Gemeindeboten für das Kirchspiel St. Georgen vom August 1939.

Wenn wir auf die Amtskirche blicken, wirkt hier der bemerkenswerte Paul Kessler, dem leider in den Wirren des Kirchenkampfes alle Aufmerksamkeit verwehrt war, der auch schon nach elf Monaten an die Ostfront geschickt wurde. Paul Kessler wohnte mit seiner Frau und den beiden Töchtern Irmgard und Helga in der Hauptstraße im ehemaligen Gemeindehaus, wo jetzt der St. Raphael-Platz zu finden ist.

Der Gemeindebote vom November 1939 erwähnt eine Abendmusik zum Totensonntag, also nur eine Woche später, in der Paul Kessler Werke von César Franck und Max Reger auf der Orgel gespielt hat . Kessler hatte wohl vor, allmonatlich eine Abendmusik zu veranstalten, jedoch im Februar wurde er bereits eingezogen.

Im „ASTA-Forum der Hochschule für Musik“ASTA-Forum Nr. 21 vom 11. Mai 1994 findet sich ein Artikel vom Professor für Musikwissenschaft, Hannsdieter Wohlfahrt, mit der Überschrift „In memoriam Paul Kessler“: „Zum Gedächtnis an den einstigen Orgelprofessor und Theorielehrer an der Freiburger Musikhochschule, Paul Kessler (1912-1977), trafen sich am Samstag, 19. März 1994, zahlreiche ehemalige Schüler Kesslers, dazu die Freiburger Hochschullehrer Szathmáry [Orgel] und Wohlfahrt, im hessischen Alsfeld […] Ein besonderer Willkommensgruß galt der achtzig-jährigen Witwe Paul Kesslers und den beiden Töchtern […].“

Weiter unten heißt es: „Es war damals vor allem der Fürsprache und Vermittlung des Musikhistorikers Willibald GurlittWillibald Gurlitt, Gründer des mw. Lehrstuhls in Freiburg, der Prätorius-Konzerte, des Collegium Musicum, 1889 in Dresden geboren, 1937 von den Nazis aller Ämter enthoben, 1945 wieder eingesetzt, Gründer der MHS Freiburg, 1963 in Freiburg gestorben. zu verdanken, dass der vom Krieg so schwer Gezeichnete sogleich mit der Gründung der Freiburger Musikhochschule im Mai 1946 mit der Leitung einer Orgelklasse und der Erteilung von Theorie-Unterricht betraut wurde. Als Paul Kessler 1977 in den verdienten Ruhestand entlassen wurde, verblieben ihm nur noch wenige Lebenstage …“. Er starb am 28.6.1977. Wir, seine späteren Studenten, erinnern uns daran, wie er sich mühsam aus seiner BMW-Isetta (Kleinwagen mit nur einer Tür), die er ebenerdig durch eine Doppeltür in den Saal lenken konnte, auf die Orgelbank wuchtete. Zu seinen späteren Studentinnen und Studenten gehörte auch eine St. Georgenerin, nämlich Christa Geismann geb. Burgdörfer.

Das Aufblühen des Posaunenchors

Abseits der Amtskirche erlebte der Posaunenchor unter Christoph Jäckle einen gewaltigen Aufschwung, der ihn später landesweit und über die Grenzen von Baden hinaus bekannt machte. Jäckle war zunächst schlichtes Mitglied unter anderen und spielte Zugposaune. Schon im Jahr 1923 hatte Jäckle von Christian Strobel dann den Posaunen-Chor übernommen, nicht ohne sich um eine angemessene Fortbildung bemüht zu haben, die er dann auch in Wochenendkursen bei Professor Hermann Poppen fand. Von Marschmusik, wie sie damals bei Jugendtreffen und Kindergottesdienst-Ausflügen beliebt war, verlegte man sich jetzt auf das Choralblasen. „Die Lage unserer Heimatstadt am Abhang des Rossbergs war geradezu ideal zu bezeichnen für morgendliches Choralblasen.“ Jäckle, a. a. O. S. 135 Dieses Choral-Blasen fand 1931 anlässlich eines Verbandstreffens auf dem Rathausplatz in einer imposanten Massenformation statt.

Die Kreisleitung der NSDAP in Villingen aber monierte – sieben Jahre später aus ähnlichem Anlass - , „dass der Posaunenchor im Freien spielte, ohne Mitglied der Reichsmusikkammer zu sein.“ Jegliches Spielen im Freien sei verboten. Also spielten sie nur noch in kirchlichen Räumen. Einer kleinen List verdankt das Ensemble sein ungewöhnliches Wachstum. Da nämlich der CVJM inzwischen aufgelöst Ab 1938 kommt es zur Auflösung des CVJM nach dem „Gesetz zum Schutze von Staat und Volk“. und alle Jugendarbeit ausschließlich beim Jungvolk und in der Hitlerjugend angesiedelt war, bot sich der Posaunenchor als Ort der Zusammenkunft für alle die an, welche sich nicht nur bei der gleichgeschalteten Jugendarbeit – sei es Jungvolk oder Hitlerjungend (HJ) – treffen wollten. Jäckle hielt Instrumente für jede Wahl bereit. So entstand eine Art Jugendmusikschule im Blechbläser-Register.

Im Jahr 1936 nahm der St. Georgener Posaunenchor erstmals am Landesposaunentreffen in Heidelberg teil. Um diese Zeit besuchte sogar der „Vater“ der evangelischen Posaunen-Bewegung, Erfinder der sog. „Kuhlo-Griffe“Kuhlo erfand eine Grifftabelle, die sich von den üblichen Ventil-Griffen der weltlichen Blasmusiken unterscheidet und angeblich die Posaunenchor- Mitglieder daran hindern soll, im Musikverein mitzuspielen. In Wirklichkeit erleichtert die Klaviernotation den Leitern die Probenarbeit., der „Posaunengeneral“ Johannes Kuhlo, Pfarrer und Musiker aus Gütersloh, seinen Freund Christoph Jäckle in St. Georgen. Das war wohl die beste Anerkennung für die in St. Georgen geleistete Arbeit.

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