Kantorei St. Georgen

Die Kantorei St. Georgen ist der Chor der ev. Kirchengemeinde St. Georgen-Tennenbronn. Zu unserem Repertoire gehören regelmäßige Kantatengottesdienste, sowie größere- und kleinere Konzerte. Von Musik des 16. Jahrhunderts bis heute – vom kleinen „Amen“ bis zum großen Oratorium ist alles mit dabei.

Haben Sie Lust, mitzusingen? Wir würden uns sehr freuen! Wir treffen uns jeden Dienstag um 19:30 außerhalb der Schulferien zur Probe im Gemeindehaus Lorenz, Hauptstr. 27.

Gedanken zu über 100 Jahren Chorgeschichte

Ganz alte detaillierte Aufzeichnungen fehlen leider; ob sie je angefertigt wurden oder beim großen Stadtbrand im 19. Jahrhundert verloren gegangen sind? Also halten wir uns an das Wenige, was wir bisher auffinden konnten: Denn das Gründungsjahr der Kantorei der Lorenzkirche — oder des evangelischen Kirchenchores, wie es lange Zeit hieß — liegt mit großer Sicherheit jenseits der vorletzten Jahrhundertwende. Anlässlich des Stadtjubiläums angestellte Nachforschungen erbrachten das Jahr 1897/98, in welchen sich das Zusammentreffen von musikinteressierten Gemeindegliedern zu einer chorähnlichen Gemeinschaft belegen lassen.
Finden sich schließlich genauere Sitzungsprotokolle, Programme und Gottesdienstabläufe, so kann man dort immer wieder von Mitgliederehrungen lesen und so ein Eintrittsdatum weit vor dem Beginn der Aufzeichnungen errechnen. (Natürlich hat St.Georgener Kirchenmusik eine noch längere Tradition, denkt man an Zeiten des Klosters, aber das sei hier nur der Vollständigkeit halber genannt und an anderer Stelle behandelt.)
Die „Aufbaujahre“ des Kirchenchores waren in musikalischer Hinsicht wohl eher ruhig und ohne allzu hohe Ansprüche an die Sänger/innen, aber sicherlich war die Chorgemeinschaft nicht unbeeinflusst von der Jahrhundertwende, den technischen Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderungen im städtischen Leben, geprägt vom Kaiserreich und schließlich vom 1. Weltkrieg – vieles gäbe es da aufzuzählen. Eine Zeit, die fern anmutet; die musikalische Welt betrauerte den Tod von Johannes Brahms, oder diskutierte über so unterschiedlich komponierende Zeitgenossen wie Gustav Mahler, Max Bruch, Max Reger und Richard Strauß; und die musikalischen „Revolutionen“ eines Arnold Schönberg oder Alban Berg? Wie zurückhaltend mögen diese wohl an St. Georgen vorübergezogen sein?

Liturgische Abendandachten mit Chormusik, Familienabende im Gasthof „Zum Deutschen Kaiser“ mit viel Musik oder kleinere Kirchenkonzerte mit Orgel- und Chorwerken waren die Aktivitäten des Kirchenchores in seinen Anfängen; auf dem Programm immer wieder Volkslieder und Volksliedhaftes, aber auch Kompositionen wie: Festgesang von Gluck, Danklied von Haydn, der „Wach auf“-Chor aus Wagners Meistersingern oder „Wohlan, die ihr durstig seid“ aus Mendelssohns „Elias“-Oratorium — bescheiden noch mit Klavier- oder Orgelbegleitung und oftmals einem Violinquartett. Auch zum Schmunzeln findet sich einiges: nach dem Hans Sachs-Spiel „Der Kuhdieb“, anlässlich eines Familienabends dargeboten, und dem Märchenspiel von der „Goldenen Gans“ der Choral „Komm Trost der Welt“ — aber nicht von J. S. Bach, der Komponist hieß — ohne Nennung eines Vornamens — Maier (wahrscheinlich kein St.Georgener…).

Nach dem ersten Weltkrieg dann ergibt sich die Notwendigkeit und der Wunsch der Chorsänger, sich als Verein zu konstituieren. Dieses wird am Freitag, den 23. Januar 1920 beschlossen, und schon am 2.Februar kann eine Satzung verabschiedet werden. Schon damals vermeldet das Protokoll, was auch heute manchmal bei einigen Musizierenden für „Unmut“ sorgt: Wegen eines Vortrages, welcher in der Kirche stattfand, mußte die Zusammenkunft der Mitglieder um zwei ganze Wochen verschoben werden! Das Raumangebot war eben nicht so üppig.

Und der §14 dieser damaligen Satzung gilt heute noch: Der Chor singt bei Trauungen von Mitgliedern (!), wenn diese wenigstens ein halbes Jahr die Proben besucht haben. So könnte man auch heute heiratswillige Paare nur ermuntern: Wer zu heiraten gedenkt, geht einfach vorher zu den Kantoreiproben und bekommt so seinen Chorgesang. Damals, so scheint es, war dieses Angebot wohl ein Anreiz, denn die Gesichter, die uns von vergilbten Fotos entgegen lachen, waren überwiegend noch im begehrten Alter.
Mitte der Zwanzigerjahre sind es schließlich rund 80 Mitglieder, von denen 1926 neunundsechzig Sänger/innen „mit drei Automobilen“ — gemeint sind wohl lastwagenähnliche Transportmittel — einen Ausflug über Oberndorf, Rosenfeld, Hechingen, Sigmaringen nach Beuron und wieder zurück unternehmen. „Faul“ war man nicht: Man fuhr gerne hinaus, besuchte ein Stück „großer Welt“ in Baden-Baden oder den Bodensee. Nur Landeskirchengesangstage, wie z.B. der in Schopfheim, erfreuten sich schon damals nicht allzu großer Beliebtheit. Dafür wohl um so mehr die Arbeit des Chorleiters: Sein Gehalt wurde mit einstimmigen Beschluß von 25,- auf noble 35,- Mark pro Monat erhöht. (!)

Es gibt Zeiten der Chorgeschichte, über die erfährt man viel, über andere dagegen — absichtlich? — weniger. Besonders ab 1937 sind Aufzeichnungen eher spärlich bis gar nicht vorhanden. Aus den wenigen Sitzungsprotokolle lässt sich aber doch einiges herauslesen:

„Am 30. Januar 1934 sang der Chor beim Dankgottesdienst zum 1. Geburtstag des neuen Deutschlands abends in der Kirche“
— oder anläßlich der im gesamten Staate stattfindenden Trauergottesdienste für den verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am Sonntag, den 5.August 1934. Pikant dabei: Als Abschluß des Trauergottesdienstes wurde der Zwingli-Choral gesungen „Herr nun selbst den Wagen halt, denn abseits geht sonst die Fahrt“. Wie überaus weitsichtig.

Musikalisch Erfreuliches: 1930 begann, noch nebenamtlich, Hauptlehrer Stanger mit größeren, oratorischen Werken, z.B. am 7.Mai 1933 eine Aufführung des „Messias“ von Händel. Leider ist der Name des Hauptlehrers, der so viel künstlerisch Gutes im Chor bewirkt hat, ab Mitte 1934 nicht mehr auffindbar.

Unterschiedliche Ansichten, welcher Weg denn nun so der „rechte“ wäre: Auch der Chor litt darunter. „Bekennende Kirche“ und „deutschen Christen“: An den Chorleitern schieden sich die Geister… 1938/39 wurde fast ein chorischer Wiederaufbau notwendig, daher suchte man „einen in kirchenpolitischer Hinsicht ungebundenen neuen Vorstand“.

Es würde den Umfang sprengen, wollte man hier tiefer in die Materie eindringen; denn Vereinsleben ist immer der Spiegel der Geschichte, und Geschichte hat es zu jener Zeit sehr viel, zu viel, gegeben. Erst im Jahr 1947 findet sich eine Aufzeichnung, die die vergangenen Jahre zu beleuchten versucht. Der in zwei Singgemeinschaften auseinander gefallene Chor formiert sich wieder und wagt den Neuanfang.

Dieses „Neue“ wollen wir auch sprachlich nachvollziehen, auf Imperfekt folgt Präsens: Die Geschichte der Kantorei ist auch immer die Geschichte ihrer Kantoren. Musiker, die prägen, unwiederbringliche Eindrücke hinterlassen, dem Chor und der Kirchenmusik ihr Profil geben und einen persönlichen, nicht wiederholbaren „Stempel“ aufdrücken: 1947 übernimmt KMD Gerhard Zeggert, vorher Kirchenmusikdirektor in Breslau, das Kantorenamt an der Lorenzkirche. Ein ungeheurer Zulauf läßt den Chor drei Jahre später über 100 Mitglieder zählen. Brahms' Deutsches Requiem, Haydns Schöpfung, Händels Messias, etc. Große Werke der Kirchenmusik sind in St. Georgen zu hören, ein kirchenmusikalisches Zentrum bildet sich neu, St. Georgen ist Bezirkskantorat, Traditionen werden fortgesetzt, neue Akzente legen den Grundstock für eine Arbeit, von der noch heute profitiert werden kann. Kirchenmusik in St.Georgen unter KMD Zeggert: Ein Glanzlicht, im weiten Umfeld ist nichts Vergleichbares vorhanden; Bandaufnahmen lassen mit Faszination vieles nachvollziehen.

So prägt die Kantorei der evangelischen Kirchengemeinde unter ihren jeweiligen Kantoren, immer wieder das städtische Kulturangebot mit, gestaltet und bereichert, und die zentrale Bedeutung St.Georgens in der Kirchenmusik wird auch über all die späteren Jahrzehnte hinweg von der Kirchengemeinde und den jeweiligen Ältesten erkannt, gewürdigt und begleitet. Stets ist man bestrebt, bei Neubesetzungen der Kantorenstelle die Qualität und das Aufgebaute in gemeinsamer Verantwortung zu sichern.

Kantor Heinrich Richard Trötschel wird 1961 Nachfolger G. Zeggerts. In seine Zeit fallen ebenso bemerkenswerte Aufführungen von Oratorien und Messen: In der Lorenzkirche singt Ortrun Wenkel die Kindertotenlieder von Mahler, in einem Brahms-Konzert führt KMD Trötschel neben dem Deutschen Requiem die Altrhapsodie auf — ein in Kirchenkonzerten eher selten gehörtes Werk — der Männerchorpart wird vom heimischen Sängerbund ausgeführt, ein in langjähriger Arbeit ebenfalls von KMD Gerhard Zeggert auf hohem Niveau geschulter Chor. Auch die Planung der großen Orgel der Lorenzkirche fällt in Trötschels Arbeitsperiode. Mit seiner Berufung zum Sachverständigen für das Orgel- und Glockenwesen der Landeskirche wandert aber leider auch das Bezirkskantorat wegen Arbeitsüberlastung von St.Georgen bedeutend tiefer ins Tal ab, erst nach Hornberg und später weiter in die Diaspora nach Villingen.

Berthold Engel übernimmt von H. R. Trötschel 1972 das Kantorenamt. Ein Stamm von rund 70 Musizierenden bildet auch bei ihm eine leistungsfähige Gemeinschaft, die er zu motivieren weiß und mit der er lebendige, viel beachtete Konzerte darbietet. Mit ihm wird in St.Georgen eine Kirchenmusik geboten, die hoher Maßstab für andere ist: u.a. Mendelssohns „Elias“, Bachs „Johannespassion“, Mozarts „C-Moll-Messe“, aber auch bisher hier nicht zu hörende Komponisten wie Benjamin Britten oder Helmut Barbe erweitern das einer Großstadt würdige Angebot.

1981 gibt es einen erneuten Wechsel zum am längsten in St.Georgen weilenden Kirchenmusiker Helmut Franke. Die Kantorei hatte immer das Glück, eine lange Arbeitsphase mit ihren jeweiligen Leitern zu haben, daher sind negative Wechsel in der Mitgliederstärke fast nicht zu verzeichnen. Der Chor hält immer wieder an seiner Aufgabe fest und weiß, daß unter jedem Kantor eine fruchtbare Arbeit möglich ist.
Auch unter Helmut Franke setzt sich die Tradition fort: Zum Beispiel erklingen — teilweise bereits mehrmals aufgeführt – Bachs Johannes- und Matthäuspassion, Oratorien und Kantaten, das sowohl in der Orchester- wie in der sog. Londoner Fassung mit zwei Klavieren dargebotene Deutsche Requiem von Brahms, Mozarts und Faurés Requien, Haydns Schöpfung oder Händels Messias (Aufführungen sowohl in deutscher wie in englischer Sprache), durchaus auch seltener zu Hörendes: Mendelssohns 2. Sinfonie „Lobgesang“, Liszts „Via crucis“ und die sog. „Ungarische Krönungsmesse“, Haydns Nelson-Messe, Dvoráks D-Dur-Messe, Verdis monumentales Requiem, Werke von Mauersberger, Rachmaninow und viele weitere Werke.

Um dieses zu erhalten, muß und wird das chorische Angebot attraktiv bleiben: Werke der Barockzeit oder der Klassik werden häufig mit altem bzw. authentischem Instrumentarium „sprechend“ und „zupackend“ musiziert, für die Aufführungen werden gute Partner verpflichtet, Chorreisen ins Ausland angeboten und was es noch alles geben mag.

Nach schwerer, kurzer Krankheit verstarb im Jahr 2015 Kantor Helmut Franke. Nachdem lange Zeit davon ausgegangen war, dass die Kantorenstelle in St. Georgen nicht wiederbesetzt werden könne, da der Gemeinde die finanziellen Mittel dafür fehlen, konnte nun dankenswerterweise die Landeskirche einspringen. Nach einiger Zeit Vakanz (in der der Chor von Armin Gaus geleitet wurde) übernahm nun der junge Kantor Jochen Kiene das Amt im Jahr 2017. Er führt die Traditionen des Chores fort – regelmäßige Kantatengottesdienste gehören nun zum Repertoire der Chores. Im Jahr 2018 erklang auch wieder ein großes Oratorium – Joseph Haydns „Schöpfung“ – nun in Kooperation mit dem MGV 1876 Allmendshofen, deren Leiter auch Jochen Kiene ist.

Helmut Franke (mit Ergänzungen von Jochen Kiene)

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